recep

Recep, was wolltest du werden, als du noch ein Kind warst?

1

Ich wollte immer einen eigenen Laden haben. Als Kind habe ich in einem kleinen Plattenladen ausgeholfen und fand es faszinierend, dass mein Chef gefühlt jeden aus der Nachbarschaft kannte und begrüßte. Dieser Kontakt zu den Menschen hat mir schon damals gefallen.


Welchen Beruf hast du dann tatsächlich ausgeübt?

2

Ich habe in Deutschland in einer Druckerei gearbeitet, die Grußkarten hergestellt hat. Dort war ich für die Heißprägung und den Zuschnitt zuständig.


Wer waren deine besten Freunde, als du nach Deutschland gekommen bist?

3

Ich kam 1969 nach Deutschland – zusammen mit meinem Freund Faruk, den ich schon aus der Türkei kannte. Heute sind wir seit über 55 Jahren befreundet. Ganz ohne WhatsApp, Instagram oder sonst was. (lacht)

Unsere Freundschaft war immer sehr innig. Sein Geld war mein Geld, mein Geld war sein Geld. So ist das bis heute.


Was hast du mit deinem ersten Lohn gemacht?

4

Einen „eigenen“ Lohn gab es bei uns eigentlich gar nicht. Wir waren als Familie nach Deutschland gekommen und jeder legte sein Einkommen in einen gemeinsamen Familientopf.

Verwaltet wurde das Geld von unserem Familienoberhaupt – bei uns war das mein älterer Bruder. Von ihm bekam ich dann eine Art Taschengeld.

Mein erster Chef in Deutschland war also eigentlich mein großer Bruder. (lacht)

Was war in deinem Koffer, als du zum ersten Mal wieder in die Türkei gefahren bist?

5

Milka-Schokolade. Sehr, sehr viel Milka-Schokolade. (lacht)

Meine Familie in der Türkei war verrückt danach. Ich hatte so viel dabei, dass es sich irgendwann fast schon kriminell angefühlt hat.

Sagen wir es so: Die Grenzkontrollen waren damals manchmal etwas… unkomplizierter als heute. (lacht)


Würdest du noch einmal auswandern?

6

Nein. Wenn ich damals als junger Mann nicht auf das Geld angewiesen gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich nicht gegangen. Meine Familie und meine Freunde zurückzulassen, fiel mir sehr schwer.

Trotzdem bereue ich keine Sekunde, nach Deutschland gekommen zu sein. Denn hier habe ich meine eigene Familie gegründet und Freundschaften fürs Leben gefunden.

Das klingt vielleicht widersprüchlich, aber beides kann gleichzeitig wahr sein: Ich wäre nicht noch einmal gegangen – und bin trotzdem froh, dass ich gegangen bin.


Was liebst du an Deutschland?

7

(überlegt kurz) Den deutschen Respekt.

Damit meine ich nicht nur den Respekt vor anderen Menschen, sondern vor der Gesellschaft allgemein. Die Menschen respektieren eine rote Ampel, sie respektieren ihre Haustiere, Regeln, ihre Umgebung. Diese Art von Respekt hat mich an Deutschland schon immer beeindruckt.


Was vermisst du aus der Türkei?

8

Das Café in meinem Heimatdorf. Nicht, weil der Çay dort besonders gut schmeckt, sondern wegen der Menschen.

Schon als Teenager saß ich dort mit meinen Freunden. Und wenn ich heute im Sommer zurückkomme und dieselben alten Gesichter sehe, freue ich mich jedes Mal wie ein kleines Kind. Wir sitzen da, trinken Çay und reden über Gott und die Welt.

Dort fühle ich mich nie fremd. Egal, wie weit man im Leben kommt – irgendwie kehrt man immer wieder zu seinen Wurzeln zurück.

Wenn du eine Sache in Deutschland verändern könntest, was wäre das?

9

Die Menschen dürften ein bisschen mehr Gefühle zulassen. Mir ist hier manchmal alles zu sachlich.

Ein bisschen weniger Kopf, ein bisschen mehr Herz würde Deutschland guttun.


Was ist das deutscheste Wort für dich?

10

„Ja freiliiiiig!“ (lacht laut)


Çay oder Kaffee?

11

„Kaffee!“, flüstert seine Frau Behiye aus dem Hintergrund.

Recep widerspricht sofort: Drei Çay zum Frühstück. Erst danach ein türkischer Mokka. Und ab 13 Uhr einen Nescafé.

Genau diese Menge. Genau diese Reihenfolge. Seit über 50 Jahren.

Manche Menschen haben eine Morgenroutine. Recep hat ein Getränkeprotokoll.


Welchen Ratschlag fürs Leben gibst du deinen Enkeln mit?

12

Setzt euch ein Ziel. Macht euch einen Plan und orientiert euch daran.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele Menschen heute einfach von Kalenderwoche zu Kalenderwoche leben. Man muss nicht immer genau wissen, wo man am Ende landet – aber man sollte wissen, in welche Richtung man gehen möchte.

Vielen Dank für das Interview, Recep!